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  • Michael Haas

Eine Nacht eingesperrt am Flughafen in Da Nang

Updated: Oct 31, 2019

Ankunft

Sanft setzt der Flieger auf. Ich bin zurück in Da Nang, wo ich seit einigen Monaten lebe. Ich war in Thailand, weil mein Visum für Vietnam abgelaufen war. Nun bin ich also wieder da. Ich gehe den ausgeschilderten Weg zum Visa-on-arrival-Schalter, freue mich dabei auf Gunnar, meinen Freund, mit dem ich mich wortlos und mit Worten verstehe, lächle, als ich an die Wellen denke, von denen mich die Hälfte in die Mangel nimmt und nach Luft schnappend wieder auftauchen lässt, rümpfe die Nase, als mir einfällt, was ich alles waschen muss.

Im Wartebereich der Visaabteilung

Arglos lege ich meinen Pass, die ausgefüllten Formulare und ein Bild auf den Schalter, hinter dem vietnamesische Beamte schnell und präzise ihrer Arbeit nachgehen. Die Leichtigkeit, mit der die Visabewilligung für drei Monate erledigt wird, erstaunt mich nicht mehr. Dankbar bin ich dafür aber immer noch. Entspannt setzte ich mich auf einen der Warteplätze, sehe auf die Uhr. In zehn Minuten wird mich einer der grün gekleideten Beamten zum Schalter rufen, 50US$ kassieren und mir meinen Pass mit dem Visum geben. Ach ja, ich darf nicht vergessen, in den nächsten drei Monaten einen neuen Pass machen zu lassen. Mein jetziger ist schon ziemlich ramponiert und hätte ohne einen breiten Klebestreifen die Bildseite schon verloren.

Aufruf

„Michael Haas“. Das hat aber lange gedauert, geht mir durch den Kopf, als ich aufstehe und nach den Geldscheinen in meiner Hosentasche taste, mit denen ich die Visagebühr bezahlen werde. Ein grün gekleideter Beamter hält einen bordeaux farbenen Pass in die Höhe. Dies kenne ich nicht. Normalerweise wird mir mein Pass ohne demonstrative Gesten übergeben. „Michael Haas?“ „Ja, das bin ich. Hier sind die 50 Dollar“, sage ich und lächle bemüht. „No“, sagt mein Gegenüber und schiebt das Geld auf dem Schalter zu mir zurück. „Ihr Pass ist nicht gültig. Das heißt, Sie können nicht einreisen. Sie müssen mit dem nächsten Flugzeug derselben Fluglinie nach Bangkok zurückfliegen.“ Ich spüre, wie mir heiß wird, wie sich meine Umgebung um mich herum zu drehen beginnt und halte mich einen Moment an dem Schalter fest, hinter dem mich der Beamte teilnahmslos beobachtet. Der Raum kommt zum Stillstand, meine Fassung kehrt langsam zurück. „Bitte, was haben Sie gesagt? Mein Pass ist doch noch ein Jahr gültig.“ „Das hat nichts mit der Gültigkeitsdauer zu tun. Ihr Pass ist in miserablem Zustand. Ungültig wird er aber dadurch, dass die Bildseite nur noch durch einen Klebestreifen mit dem Rest verbunden ist.“ Wieder wird mir heiß.

„Es tut mir wirklich leid, dass der Pass in solch schlechtem Zustand ist. Ich werde so schnell wie möglich zur deutschen Botschaft in Ho Chi Minh City gehen und einen neuen Pass beantragen. Bitte.“ „Tut mir Leid”, sagt der Beamte mit einem geschäftsmäßigen Lächeln. “Aber ich kann Ihnen nicht helfen. Es gibt Bestimmungen, an die ich mich halten muss.” „Aber ich bin doch mit diesem Pass, auch mit diesem Klebestreifen im Pass in Thailand und Laos ein- und ausgereist und auch schon einmal in Vietnam gewesen.“ „Können Sie das beweisen?“, fragt der Beamte kurz, greift nach seinem Handy und beginnt, zu telefonieren, ohne meine Antwort abzuwarten.

Der Weg ist nicht immer das Ziel

Langsam nähert sich ein Polizist. „Folgen Sie mir!“ Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch tue ich, wie mir befohlen wird. Wir durchqueren Räume, in denen niemand mehr zu sehen ist, wo ich befürchte, der Willkür des Polizisten ausgeliefert zu sein. Zu meiner Erleichterung erreichen wir kurz darauf den Abflugbereich, wo wieder Menschen sind und einen großen verglasten Raum. „Hier werden Sie die Nacht verbringen“, sagt mir eine Angestellte der Fluglinie. „Das kostet Sie leider 120 Euro.“ „Das kann ich mir nicht leisten“, sage ich und setze mich auf den Boden neben die verglaste Eingangstür. Die nächsten Minuten kommen mehr Polizisten und mehr Immigrations-beamte. „Wir können Ihnen die Mitteilung machen, dass Sie ausnahmsweise für die Übernachtung nicht bezahlen müssen“, sagt ein hagerer Beamter mit drei Sternen auf den Epauletten. Der offenbar ranghöchste Beamte mit vier Sternen wendet sich mit einem anderen, der besser Englisch spricht, an mich. „Sehen Sie, wenn Sie nicht kooperieren, verstoßen Sie gegen vietnamesische Gesetze, was dazu führt, dass Sie auch das nächste Mal nicht einreisen können.“

Die Nacht

Irgendwann betrete ich das Zimmer, hinter dem sich ein anderes größeres Zimmer mit vielen Betten befindet. Zuerst setze ich mich im Vorzimmer auf den Boden, um meine miserable Lage mit Hilfe der Glaskonstruktion öffentlich machen zu können. Aber der Polizist, der mich bewachen soll und für das Auf- und Abschließen der Tür zuständig ist, ekelt mich mit lautem Telefonieren und einem lärmenden Funkgerät in den entfernten Raum.

Ich lege mich auf ein Bett und starre an die Decke. Die Durchsagen für die Abflüge sind deutlich zu hören, lassen aber im Lauf der Nacht nach. Dem kleinen Schlafsaal ist keine Toilette zugeordnet. Als mich meine Blase drängt, wecke ich die Wache, die inzwischen nebenan eingeschlafen ist.

Aufs Neue starre ich an die Decke. In ein paar Stunden werde ich wieder in Thailand sein. Ich beschließe dort zuerst einen neuen Pass zu beantragen.

Dann quält mich die Vorstellung, dass ich irgendwie gegen vietnamesisches Recht verstoßen haben könnte und in einem Monat dasselbe Problem haben werde.

Meinen neuen Pass halte ich nun vier Wochen später in Händen. Aber die Selbstverständlichkeit der Einreise, die Leichtigkeit des Grenzübertritts hat sich in jener Nacht verloren.

Wenn man nicht abgeschoben werden will, muss der Pass in gutem Zustand sein.


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